Erlebnisse

Ehrenamtlich im Lighthouse Welcome Center® tätig zu sein, beinhaltet nicht nur die Weitergabe von Informationen oder Beantwortung von Fragen. Es bedeutet auch, früher mit den ankommenden Geflüchteten und jetzt mit den dort länger lebenden BewohnerInnen einzigartige Momente und Erfahrungen zu teilen. Inzwischen gibt es unterschiedlichste Erlebnisse, die Ehrenamtliche während ihrer Zeit dort sammeln. Einige entschieden sich, diese Geschichten mit uns zu teilen…..


Meine erste Schicht am neuen Standort

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Jacqueline Ratnam

Ich kam voller Vorfreude in der Bayernkaserne an und konnte es nicht erwarten endlich aufzumachen.
Mit den  neu erstellten Materialien in der einen Hand und dem neuen Aufteller in der anderen Hand, habe ich die Schicht begonnen.
Lange und vor allem lustige Gespräche gehörten zu der Haupttätigkeit. Ich habe mich gefreut, bekannte Gesichter zu sehen und mich im Namen merken recht gut geschlagen.

Der Höhepunkt an diesem Tag war das spontane, gemeinsame Tanzen mit einigen Bewohnern.
Als Musik aus einem Lautsprecher ertönte fanden sich plötzlich alle in einem Kreis zusammen und haben getanzt. Nach nur kurzer Zeit wurde ich dazu eingeladen mit zu machen. Die Atmosphäre war wunderbar und eher auf freundschaftlicher Basis. 
Ich kann nur immer wieder betonen, wie erfüllend diese Schicht war. Es macht Spaß engeren Kontakt zu den Bewohnern und somit zu anderen Kulturen zu haben.

 


Kleines mit großer Wirkung

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Thomas Schindlbeck

„Auf meinem Nachttisch liegt seit einiger Zeit ein einsames „Werther’s Beste“ Bonbon … die Geschichte dazu: Ein Syrer kam zu mir ans Lighthouse und ließ sich von mir ein Infopaket zusammenstellen, hat sich bedankt und mir erzählt, dass ihm schon so viele Leute in Deutschland geholfen haben. Er fühle sich schlecht, weil er nichts habe, um sich dafür erkenntlich zeigen zu können. Ich meinte, ein Dankeschön und ein Lächeln würden diesen Leuten genügen. Nach ein paar Minuten kam er zurück und reichte mir besagtes Bonbon – das sei das Einzige, was er noch habe, und er möchte es mir gerne schenken, weil ich mir gerade so viel Zeit für ihn genommen und geholfen hätte. Das hat sogar mich als mittlerweile altes Ehrenamtseisen sehr bewegt …“

 


Zusammenführung

„Es kam eine afghanische Familie zu uns, die bereits seit ein paar Jahren in Deutschland lebte und fragte nach, ob ich ihnen helfen könne ihre Cousine zu finden, die laut ihrem letzten Wissensstand nun in der Bayernkaserne wäre. Aber ihre Cousine habe kein Handy und sie

Serena Widmann
Serena Widmann

können sie also nicht erreichen, um einen Treffpunkt auszumachen und aufs Gelände der Bayernkaserne dürfen sie ja nicht. Ich ließ mir genaue Namen und Geburtsdatum geben und bin dann in Haus 58 gegangen, denn als alleinstehende junge Dame war mir klar, dass sie zu 99 % hier zu finden sei. Und tatsächlich, die Security konnte mir das Zimmer nennen und ich begab mich zu ihr. Sie sprach kein Englisch und nur mit Händen und Füßen konnte ich ihr erklären, dass sie mit mir mitgehen solle. Das tat sie auch – schüchtern und langsam und unwissend was ich wollte. Als wir dann durch Tor kamen und ihre Familie dort schon wartete, brach sie in meinen Armen zusammen und fing bitterlich zu weinen an. Ich brachte sie vorsichtig auf die Bank beim Lighthouse und dort fielen sich ihre Cousine und sie in die Arme. Als ich fragte, ob alles okay sei da meinte ihre deutschsprachige Cousine nur: „ Wir sind so unendlich glücklich uns gefunden zu haben. Wir hätten nicht gewußt, wie wir das ohne Sie geschafft hätten. Das sind nur Freudentränen“.“

„Nachdem ich für die Organisation und Verteilung von Freikartenkontingenten für Veranstaltungen, Clubs und Events zuständig bin, ist das Lighthouse immer unser Treffpunkt und für mich auch ein guter Ort, um interessierte Flüchtlinge während meiner Schichten zu akquirieren. Am schönsten ist es aber dann, wenn ich wieder Schicht habe und die jungen Menschen zu mir kommen und sich immer wieder bedanken für einen unvergesslichen Abend z.B. im Theater … dass sie diesen Abend nie vergessen werden und so glücklich waren für ein paar Stunden. Das macht mich dann auch sehr glücklich!“


„Willkommen“ – mal andersherum

„Welcome!“ – sagte der Mann mit dem warmen Handschlag und den fröhlichen, erfahrenen Augen. Im Lighthouse Welcome Center heiße ich öfters Leute willkommen. Das war aber das erste Mal, dass mir jemand das gewünscht hat!

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Andrea Sarmiento

Es war Winter und durch den Regen war unsere Schicht ein bisschen ruhiger, was auch heißt, mehr Zeit für diejenigen zu haben, die der Regen nicht aufhält. Nach zwei Tagen in München und in der Kaserne hat sich ein älterer Mann nur mit einer Sommerjacke in das kalte Wetter getraut. Durch Neugier und einem Drang zu reden haben wir nähere Bekanntschaft gemacht. Seine Reise nach Deutschland war nicht lang, aber sehr hart und die Sehnsucht nach etwas, was es nicht mehr gibt, war groß. Das war aber für ihn keine Unterhaltung, die er weiter führen wollte. Stattdessen musterte er meine Locken und meine dunklen Augen, die er Deutschland nicht richtig zuordnen konnte. Damit hat er Recht. Geboren in Schweden mit chilenischer Herkunft und mit weniger als 7 Jahren Aufenthalt in Deutschland – das fand er natürlich nicht gerade normal. In meiner Vergangenheit sah er aber Hoffnung und fragte mit großem Enthusiasmus wie ich mich hier willkommen fühle und was er machen müsse, um einen Job zu bekommen. Soweit ich konnte, habe ich ein paar bescheidene Tipps gegeben, auch wenn es mir sehr bewusst ist, dass die Situation anders ist. In seinen Augen waren wir aber gleich. Irgendwann waren wir beide für diese Gesellschaft fremd. Nach meiner Geschichte nahm er meine Hand, drückte sie bestimmt, aber zärtlich und wünschte mich willkommen. „Wir schaffen das!“, meinte er. Wir lachten so herzlich zusammen.

Wir brauchen alle ein Willkommen, weil wir zu unserer Gesellschaft gehören möchten. Und noch ergreifender ist es, wenn die Gesellschaft der Zukunft dich willkommen heißt.


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Markus Weckler

Ein Kompliment…

Vor einiger Zeit kam mal ein Flüchtling aus dem Libanon ans Lighthouse, ein Moslem. Ihn beeindruckte sehr, wie die Menschen in Europa, insbesondere in Deutschland bzw. im Speziellen im Lighthouse, sich für die Flüchtlinge einsetzen. Da hat er in seinem muslimischen Umfeld in seiner Heimat gegenteilige Erfahrungen gemacht.

Er sagte:
„Ihr Menschen in Europa seid die wahren Moslems!“

Ich denke, das ist ein tolles Kompliment an uns, egal ob wir unsere Motivation aus dem christlichen Glauben oder einem humanitären Hintergrund schöpfen.


Das 1×1 deutscher Kultur

Daniela Spießl
Daniela Spießl

Ich finde es immer wieder amüsant, wenn mich männliche Besucher am Lighthouse Mama oder Sister nennen. Ich nehme es als Kompliment und freue mich als Freimannerin, wenn ich ihnen ein paar meiner grünen und einladenden Lieblingsplätze empfehlen kann, um noch was anderes zu sehen als Mauern, Zäune und stark befahrene Straßen. Natürlich wollen die meisten zur Arena und finden den FC Bayern gaaaaaaanz toll. Ich nicht! Aber ich bin Fußball-Fan und dann fachsimpeln wir über den europäischen Fußball oder die Nationalteams und ich merke, wie erstaunt die jungen Männer sind, dass ich mich als Frau dafür interessiere und auskenne.
Darüber hinaus kommt es immer recht gut an, wenn ich ihnen Tipps und Tricks an die Hand gebe, die es ihnen hier leichter machen, nicht nur als Flüchtling wahrgenommen zu werden: Am lustigsten finden sie es, wenn ich ihnen rate, sich eine Zeitung zu kaufen und sie sich, wenn sie in der Stadt oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind, einfach unter den Arm zu  klemmen. Oft höre ich dann…“ah, that´s the game!“  und wir reden darüber, wie sehr sich das äußere Erscheinungsbild darauf auswirkt, wie die Deutschen auf sie reagieren oder sogar zugehen. Wir lachen dann immer und sagen , „yes, you´re all students…and you study the German people!“

 


Viele Wege, ein Ziel

20150219_130323Ein Afghane, ein Syrer und eine Eritreerin kamen zusammen zu uns, um einen Kaffee zu trinken. Sie waren alle ungefähr gleich alt, Mitte zwanzig,  und sprachen auf Englisch miteinander, gut gelaunt. Auf der Weltkarte, die wir am Lighthouse ausliegen haben, zeigten sie uns und sich gegenseitig ihre Fluchtrouten. Einmal Balkanroute, zwei Mal Mittelmeer. Drei Mal von unterschiedlichen Orten geflohen und drei Mal angekommen und jetzt mit den Köpfen über der Landkarte, mit dem Finger einen Weg nachzeichnend. »Bye« und »thank you« sagten sie dann und dass sie jetzt zusammen in die Stadt fahren würden. Wie Freunde das eben so machen.

– Nadja Schlüter


„Wie man in den Wald hineinruft…..“

20150316_170514Ich habe im Sommer 2016 im Lighthouse angefangen. Ich hatte mir viele Gedanken gemacht, wie ich den Menschen begegnen könnte und bin mit Berührungsängsten zu meinem ersten Einsatz gegangen.
Das war nicht nötig, denn es hat sich – wie immer – gezeigt: „Wie ich in den Wald hineinrufe, kommt es auch zurück“, heißt, wenn ich den Menschen freundlich begegne, kommt genau auch Freundlichkeit zurück.
Ich habe inzwischen auch außerhalb der Bayerkaserne das „komische Gefühl“ verloren, wenn mir fremd aussehende Menschen begegnen. Man muss sich selbst die Chance geben, im Anderen nur den Mitmenschen zu sehen.

– Anonym


Missverständnis mit heiterem Ende

Vor einigen Monaten war ein syrischer Flüchtling sehr interessiert an den Angeboten des Lighthouse, besonders die Deutschkurse. Er konnte es kaum erwarten und so fingen wir gleich an, ein paar Wörter und Sätze zu lernen. So sammelten sich am Lighthouse um die 8

Roberto Pasti
Roberto Pasti

Flüchtlinge, um dem spontanen „Deutschkurs“ beizuwohnen. Sie stellten viele Fragen und übten fleißig.  So war die Frage, was EINGANG bedeuten soll, da sie es in der Bayernkaserne oft gelesen hätten. Ich fragte den „Schüler“, ob jemand wüsste, was ein Schild mit der Beschriftung EINGANG hier in der Bayernkasserne bedeuten könnte. Ich bekam einen Lachkrampf, als zwei Afrikaner die Antwort gaben: „Es ist eine Gruppe von Personen, die zu einer Gang gehören. Da darf man nicht rein, wenn man nicht zu der Gruppe gehört“.

– Roberto Pasti


Ein Brief mit Herz

Nach meiner Erfahrung im Libanon, ist es bei Arabern nicht üblich, explizit Dankeskarten oder -briefe zu schreiben. Umso mehr hat es mich gefreut und gerührt, von zwei syrischen Brüdern unten stehendes Schreiben zu erhalten. Sie hatten eine gute Weile in der Bayernkaserne gelebt, weshalb sie Unterstützung von mehreren engagierten Ehrenamtlichen in verschiedenen Bereichen erhalten hatten. Den Brief formulierten sie auf Arabisch, dann ließen sie ihn ins Deutsche übersetzen.

„Meine Lieben …
wie wunderbar ist es, wenn der Mensch wie eine Kerze wirkt, die den Weg der Suchenden beleuchtet und sie an die Hand nimmt, um sie in Sicherheit zu bringen, ihnen bei der Überwindung der Wellen der Rückschläge und der Schwierigkeiten zu helfen.
Wir sind hierher gekommen und hatten Nichts… und Sie haben uns Alles gegeben… Auch das Kleinste, was Sie uns gegeben haben, bedeutet für uns viel in dieser, für uns völlig neuen Welt.
Das, was Sie uns zur Verfügung gestellt haben, werden wir nie vergessen, keiner von uns wird es vergessen, unabhängig davon, wie klein es scheinen mag.
Wir sind in Ihrem Land, und Sie sind in unserem Herzen. Sie haben mit uns an unseren Schmerzen teilgenommen. Und wir wollen jetzt mit Ihnen unser Fastenbrechenfest feiern. Anlässlich unseres Festes “Eid ul-Fitr“ wollen wir Ihnen ein liebevolles Dankschreiben aus unserem Herzen senden, und hoffen, dass es Ihr Herz berührt…
Vielen Dank für die Zeit, die Sie uns geschenkt haben.
Sie sind toll.

Adnan und Ahmad“

Dankesbrief syr. Brüder

– Reem


Lächeln als Sprache

Lighthouse
Aylin Tekin

Ich habe während meiner Arbeit im Lighthouse viele persönliche Erfolge erlebt . Der einfachste und vielleicht größte Erfolg ist das Lächeln und die Dankbarkeit der Flüchtlinge. Außerdem ist es sehr schön zu erfahren, wenn eine Empfehlung an Flüchtlinge wahrgenommen wird und sie mir im Anschluss davon berichten. Teilweise lehren mir die Flüchtlinge einfache Sätze in ihren Sprachen, sodass sie mich und ich sie in ihrer Muttersprache begrüße. Die Freude, die ich selber an der Arbeit habe, ist für mich der größte Erfolg.

– Aylin Tekin